Vom Leben mit - und hoffentlich doch - ohne Corona

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Die vergangenen Wochen haben unser gewohntes Leben auf den Kopf gestellt. Ein winziges Virus schaffte es in kürzester Zeit, die Weltwirtschaft lahm zu legen, das soziale Leben still stehen zu lassen und jeden Einzelnen von uns aus seinem Alltag zu reißen.


Ein wenig überrumpelt und sprachlos stehen wir da und blicken auf viele Fragen um uns herum, sind unsicher, haben Angst und wissen nicht recht, wie es weitergeht, mit uns und mit der Art zu leben, wie wir es gewohnt sind.
Die Corona-Pandemie zeigt uns, wie fragil unsere Welt doch ist, wie leicht sie aus dem Gleichgewicht kommen kann, völlig unvermutet und mit voller Wucht.


Nun, wir hatten einige Wochen Zeit, uns an diese neue Situation zu gewöhnen, uns einzustellen auf ... ja auf was eigentlich?
Täglich kommen neue Meldungen, vom Lock-down bis hin zu Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen. Was bedeutet das für uns? Wie sollen wir uns verhalten? Was dürfen wir? Was sollten wir vielleicht trotzdem meiden? Viele Fragen und erst wenige Antworten.

Allerdings kommt durch die aktuelle Corona-Situation auch Gutes zu tage: Viele Menschen zeigen Hilfsbereitschaft für andere, Nachbarschaftshilfen entstehen, anderenorts werden Quarantäne-Kisten mit Lebensmitteln gepackt, für diejenigen, die zuhause sind. Der Stillstand des Tourismus, das Weniger an Autos, Flugzeugen, Kreuzfahrtschiffen ist ein Segen für unsere Umwelt. In Venedig soll sogar das Wasser in den Kanälen der Stadt klar sein.


Viele von uns haben plötzlich das, was wir uns eigentlich so oft wünschen: mehr Zeit. Aber was anfangen mit dem Mehr an Zeit. Wir sollen es vermeiden, uns mit anderen zu treffen, in den Innenstädten und selbst in der Natur gilt es Abstand zu halten. Unsere Hobbys und Aktivitäten, denen wir normalerweise gerne nachgehen sind zu einem Großteil nicht möglich.
Menschen, die alleine leben, haben kaum mehr Kontakt nach außen. Familien, die sich häufig so sehr nach mehr gemeinsamer Zeit sehnen, erleben jetzt einen Lock-down mit quengelnden Kindern, Überforderung mit Homeschooling und Homeoffice.


Was uns bleibt ist die Chance, unser Leben in die Hand zu nehmen und zu schauen, wie wir es behutsam, sicher und trotz aller Widrigkeiten mit Zufriedenheit und Freude leben können. Corona gibt uns die Chance, zu überdenken, was uns wirklich wichtig ist und worauf wir vielleicht besser verzichten können, als wir annehmen.
Unsere folgenden Alltagstipps sollen für Sie Anregung sein, neue Gedanken zuzulassen, andere Wege zu gehen und offen zu bleiben für Veränderung ebenso wie für Rituale und Gewohnheiten:

Dem Alltag Struktur geben

Unsere übliche Alltagsstruktur ist durch Corona im Moment lahmgelegt, viele arbeiten nicht oder nur eingeschränkt, auch andere Außentermine, sei es zur Therapie, zum Einkaufen, zu Treffen mit Verwandten sind nicht immer möglich.

Sie können versuchen dennoch Struktur in Ihren Alltag zu bringen:
- Wenn Sie am Morgen zu einer festen Zeit aufstehen, können Sie Ihren Tag bewusst mit etwas Schönem beginnen, z.B. einer Tasse Tee oder Kaffee, bei gutem Wetter vielleicht sogar auf dem Balkon, ein paar tiefe Atemzüge vor dem geöffneten Fenster oder mit einer ausgiebigen Dusche mit Ihrem Lieblingsduschgel
- Vielleicht fällt Ihnen ein kleines Projekt ein, im Haus, im Garten oder auf dem Balkon, an dem Sie jeden Tag ein wenig arbeiten möchten. Das kann z.B. das Bepflanzen einiger Balkonkästen sein, oder das Ausmisten des Kleiderschrankes, vielleicht gibt es einen alten Holzstuhl, den Sie schon immer mal neu anstreichen wollten ...
- Auch neue oder veränderte Aufgaben, wie z.B. Arbeiten von zuhause aus, Hilfe beim Homeschooling können im Vorfeld in den Alltag eingeplant werden
- Nehmen Sie sich Zeit für Lieblingsbeschäftigungen, wenn Sie mögen, probieren Sie neue Aktivitäten aus: musizieren, malen, lesen, Handarbeit, Tagebuch schreiben, was immer Ihnen Spaß macht, können Sie in Ihren Alltag einplanen
- Eine andere Möglichkeit, Ihr Wohlbefinden zu verbessern, liegt in Ihrer Ernährung: "Man ist, was man ißt." Vielleicht haben Sie Lust, ein neues Rezept auszuprobieren oder Ihr Lieblingsessen zu kochen. Auch Ihre gewohnten Essenszeiten können dabei helfen, dem Alltag Struktur zu geben
- Sie können sich bewusst machen, welche kleinen Rituale in Ihrem Alltag für Sie wichtig sind, z.B. Zeitunglesen nach dem Frühstück, Ihre Lieblingssendung im Fernsehen, das abendliche Telefonat mit einer Freundin, eine halbe Stunde lesen vor dem Schlafengehen ...
- Auch die Beibehaltung Ihres Schlafrhythmus kann dazu beitragen, die Struktur im Alltag nicht zu verlieren

Kontaktpflege trotz Ausgansbeschränkung

- Vielleicht haben Sie Lust, "altmodische" Formen des Kontakthaltens zu pflegen: Sie könnten einen Brief an liebe Menschen schreiben, die Sie im Moment nicht treffen können, oder sich zu einem Telefonat verabreden.
- Bei schönem Wetter könnten Sie zu einem Haustürtreffen oder einem Balkonplausch einladen. Mit einem bereitgestellten Stuhl vor der Haustür oder unterm Balkon können Sie sich mit einem Besucher auf sicherer Distanz unterhalten
- Mit Nachbarn kann man sich prima über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon unterhalten, ohne eine Infektion zu riskieren
- Auch über modernen Medien haben Sie die Möglichkeit, Kontakt zu den Menschen zu halten, die Ihnen wichtig sind, insbesondere zu jüngeren Menschen

Information ja - Panikmache nein!

- Es ist wichtig, gut informiert zu sein, über aktuelle Veränderungen und Gegebenheiten. Sie können bewusst überlegen, wo Sie sich informieren möchten, welche Medien Sie bevorzugen
- Sie können die Tageszeitung lesen oder sich die Nachrichten im Fernsehen anschauen
- Wenn Sie sich lieber über das Internet informieren, tuen Sie das, achten Sie vielleicht ein wenig darauf, dass Sie auch hierfür begrenzte Zeiten reservieren. Den ganzen Tag lang auf jede neue Meldung anzuspringen versetzt unnötig in Unruhe und Panik und längst nicht alle Meldungen sind seriös.


Guter Umgang mit sich selbst

- Achten Sie in dieser schwierigen Zeit besonders gut auf sich und auf das, was Ihnen guttut
- Ein Spaziergang an der frischen Luft, möglichst dort, wo nur wenige Menschen unterwegs, sind tut gut und sorgt für einen klaren Kopf
- Möchten Sie in Bewegung bleiben?: Der Daily-SPOKS-Kanal auf Facebook ist eine gute Möglichkeit, dem nachzukommen, auch Bewegungsformen, die Sie alleine zuhause oder draußen ausüben können (walken, Fahrradfahren, Yoga, Kräftigungs- und Dehnübungen), sind hilfreich. Es liegt an Ihnen, auszuprobieren, was Spaß macht.
- Auch wenn Sie nicht berufstätig sind und keine Außentermine wahrnehmen können, haben Sie vielleicht Lust, Ihr Äußeres zu pflegen. Vielleicht geben Ihnen Ihre Lieblingsklamotten ein besonders gutes Gefühl, oder das Parfum, das Sie zum letzten Geburtstag bekommen haben ...
- Hören Sie in sich und lassen Sie Ihre Gefühle ruhig zu. Es ist normal Angst zu haben, nicht zu wissen, wie es weitergeht in der momentanen Situation. Es ist normal traurig zu sein und unter dem Einbruch des sozialen Lebens zu leiden. Nehmen Sie diese Gefühle ruhig wahr. Vielleicht haben Sie auch jemanden, mit dem Sie darüber sprechen können. Falls nicht, gibt es Beratungsstellen die telefonisch für Sie da sind, die zuhören und ansprechbar sind, z.B. über die "Aktion offenes Ohr" der DMSG-Beratungsstelle
- Grübelfalle: Gefühle wahrzunehmen ist wichtig, ebenso wichtig es es aber, darin nicht stecken zu bleiben. Wenn Sie merken, dass Ihre Gedanken in immer wiederkehrenden negativen Schleifen kreisen, können folgende Strategien hilfreich sein:
- Ablenkung mit einer Tätigkeit , die Ihre Konzentration fordert, wie z.B. Einkaufszettel schreiben, Kreuzworträtsel, Handarbeit, musizieren, puzzeln, etc.
- Bewegung: Sie könnten einen Spaziergang machen oder sportlich aktiv werden, Sie können Übungen aus der Krankengymnastik oft auch zuhause durchführen
- Sie können sich auch anderweitig ablenken: Ihre Lieblingsmusik oder ein spannendes Hörbuch, eine Sendung im Fernsehen oder ein Telefonat mit Verwandten oder Freunden können hilfreich sein.
Achten Sie auf das Positive!
Auch in der Corona-Krise gibt es jeden Tag Positives zu sehen und zu erleben. Unser Verstand macht uns oft einen Strich durch die Rechnung und uns bleibt nur das Negative in Erinnerung, das allgegenwärtig scheint.
Dazu gibt es eine schöne Übung, die Sie an jedem Tag durchführen können, wenn Sie möchten:
Am Morgen geben Sie drei kleine Steinchen in Ihre rechte Hosentasche. Nun richten Sie Ihren Blick über den Tag auf schöne Erlebnisse und Gegebenheiten. Das kann eine nette Begegnung sein, ein freundliches Wort von der Kassiererin an der Tankstelle, ein Regenbogen, ein schöner Moment beim Spaziergang, ein kleiner Vogel, der Ihnen bei Ihrem Nachmittagskaffe auf dem Balkon Gesellschaft leistet, ein kleines Geschenk, ein Anruf, ein selbstgemaltes Kinderbild und vieles mehr. Jedes Mal, wenn Sie ein schönes Erlebnis haben, wandert ein Steinchen von Ihrer rechten in die linke Hosentasche. Am Ende des Tages können Sie nachschauen, wie viele Steinchen gewandert sind und erfreuen sich noch einmal an dem Erlebten.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, dass Sie für sich einen Weg finden, auf dem Sie sicher und gesund durch diese Zeit kommen!

 

Es grüßt Sie aus der Beratungsstelle Judith Ernwein